Volkmar Ellmauthaler
Drei Erzählungen

Leseprobe

Inhalt

 

 

 

Das Hochamt .......................................................  7


Die Wölfe ........................................................  131


Der Morgen .....................................................  237

 

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I.

 

DAS HOCHAMT

(Eine Auflehnung)

 

 

 

Für JoDo

(einen von zehn?)

 

 

 

 

1.

 

Eine fahle Regenperiode war zu Ende gegangen. Die Bauern der umliegenden Weinberge, der nordwestlichen Niederung hin zur Böhmischen Masse im Norden, den Strom entlang auch jene der östlichen und südlichen Ebenen, alle hatten gemurrt – oder vielleicht gebetet. Einer hatte sich eben erhängt: Zu lang anhaltende Nässe konnte zerstören; die Frucht würde an Schimmelbefall leiden, die Saat verderben, die Krume in den Fluß geschwemmt, und was in Faß und Keller gehortet war, durch das Hochwasser vernichtet werden.

Als – am dreißigsten Tag – die Wolkenmasse, vordem graphitnebelgrau, Konturen zu bilden, einzelne Wolkengebilde zu formen begann, als endlich aus Westen an schläfrig wegwehenden hohen Schleiern ein zaghaft zu nennendes Blau tönte, war Feiertag:

Mehr Menschen als sonst begaben sich anstatt zum Frühschoppen in die Kirchen, deren noch schwermütiges Geläut, vornehmlich in B, Ges, Es, Des gestimmt, weithin klang: von Dorf zu Dorf, vom Hang ins Tal, und aus den Tälern über die satten Wiesen hinauf bis an das letzte Gehöft. – Mit dem besten Gewand bekleidet, die Gesichter frisch gewaschen, glatt rasiert, die Trauerränder unter den brüchigen Nägeln hervorgeholt und den Kindern eine Münze für den Klingelbeutel in die Hand gedrückt, machten sie sich auf den Weg. Der Raufhandel vom Freitagabend war jetzt halbwegs vergessen, das G’spusi mit der Wirtstochter (Kavaliersdelikt vor Frau, Gott und Kind) war bis auf Widerruf vergeben, selbst die Waage für das Getreide sollte demnächst geeicht werden.

Auch das Geäder der Stadt Wien, an die Terrassen eines tertiären Meeres geschmiegt, fand sein besonderes Leben wieder. In die allgemein schläfrig-verlotterten Hinterhöfe hinein begannen Lautsprecher zu leiern wie damals in den Fünfzigern: So wußte man sich ohne viel Wortes auszuweisen: als echter „Sozi“, als Freidenker, als jemand, der Zeit hat am Sonntagmorgen, auch als jemand vielleicht, der das allgegenwärtige Glockengeläut der ewig Gestrigen mit rustikalem Humtata aus dem Sender Burgenland oder Hardrock aus der Konserve sabotieren konnte, ohne daß man ihm ernstlich etwas nachsagen oder vorhalten durfte. So mischten sich die vereinzelten Laute mit den Klopfgeräuschen der übereifrigen Hausfrauen, heimliche zunächst des Pölster-Hinausrüttelns, harte, klirrende dann, von Fleischschlägel, Gläsern, Besteckladen. Bald nach Elf wurde der zarte Geruch des Frühstückskaffees abgelöst durch ruchbare Vorboten des Wiener Schnitzels: für die Kleinen amerikanisch mit „Pommes“: einer der erzwienerischen Widersprüche. Solche Sonntage waren seit jeher Beispiele für das selbstvorwürfig-raunzig Rechthaberische in Wien: die Ur-Wiener Sonntagmorgenklangmelange.

Während der vergangenen vierzig Jahre hatte das optimistische Getöse der Wiederaufbauzeit, Conrads’ „singende, klingende Wochenplauderei“ – jedes Mal um halb Neun an den beiden rotbraunen Bakelit-Drehknöpfen neu eingestellt gefolgt von Bronners unverwüstlich-satirischem „Gugelhupf“ („Wos den Soundog erst zu einem Soundog mocht, is der Gu—gl-hupf, der Gu—gl-hupf, ...“) oder wahl-weise ab Neun „Du holde Kunst“, vermischt mit jenem im aufsteigenden Licht zart ver-blassenden Rufen aus dem Hinterhofbaum – dice dice dice der Kohlmeise; zizibee, zizibee, zizibee, zizi! – pirrree, pirrree; zschiwitt, zschiwitt! als ein auf lausige Weise verfranst eingesetzt habendes Orchester aus Echoklängen von Amsel-Dilirien des noch schlafenden Morgens (als Vorwarnung zugleich auf einen verregneten Montag), ein Horchquarell von Wecktönen ergeben; mehr und mehr hatten sich auch die grelleren, vierteltönigen Plakatfarben des Orients, lautes Gezeter, klatschende Schläge in aufbrüllende Gesichter, ruhig mahnende Stimmen, eingemischt.

Sonntag feierten sie ja weniger aus Glaubensgründen als in einer abbröckelnden kirchlich-sozialistischen Errungenschaft älteren Datums. Mürrisch waren die alten Gesichter der Eingesessenen hinter den Fenstern verschwunden: letzte Kapitulation vor den potenten Kräften der zumeist pomadeglänzend schwarzhaarigen, provokant unbekümmerten, so fremd blühenden Jugend.

Die Kirche besuchten doch einige in dieser erzroten Stadt, gleich einer Art von Ritual, auf das man sich erst besinnen mußte nach sechs Tagen Sozialismus und Sorgen. Die Sehnsucht nach dem Spüren einer lebendigen Gemeinschaft wurde auch dort seit langem nicht mehr erfüllt: Ritueller Prunk, zelebrierte, jovial donnernde bis verschlagenwindige Amtlichkeit gingen glatt über die bisweilen aufschrillenden Schreie einer Verrückten, die unergründlichen Mienen der Sandler, die jammervollen Gesichter ewig knieender Bettelkinder in den Windfängen, an Stiegen, hinweg, welche dem Trachtenaufmarsch eifriger Choristinnen einen zynisch anhaftenden Kontrapunkt zu setzen vermochten:

Wie heil sind diese Christen?

             

(...)

 

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DIE WÖLFE
(ein Vorgang)


(...)

Eines Nachts hatten The Wolves den folgerichtig nächsten Schritt gewagt, hatten darauf – mit den großen Alten an ihren Fahnen – das Parlament bestürmt und ein Gesetz beschließen lassen, das ihnen selbst – und den von ihnen Auserwählten – Macht verlieh, leidende Seelen zu heilen. Die bei weitem wertvollere Macht war aber die der Auswahl geeigneter und der Verhinderung ungeeigneter Mitbewerber.

So wurde die Macht des Heilens um den Aspekt der Vorherrschaft am Markt erweitert.

                                               (...)

Seit jenen Tagen wußte er mit zunehmender Deutlichkeit seines erst kindlichen, dann adoleszenten, zuletzt alternden Erfahrenhabens: Imperative und Prophezeihungen sind ein lähmendes, potentes Gift.

Imperative sind, im Gegensatz zu Prophetien, als Machtmittel deutlich erkennbar. Das macht sie ehrlicher, direkter, macht ein dagegen Auflehnen immerhin möglich.

Wahrsagungen hingegen haben „Wahrheit“ nicht einmal gepachtet: sind erfüllt von Gut-meinen-nicht-gleich-gut-sein, beschafpelzte Ungeheuerlichkeiten – nehmen deine Zukunft in Besitz, rauben dir nicht bloß die Perspektive, setzen sich in deinen Lebensplänen fest wie Hirudinea: blutsaugende Ringelwürmerparasiten, schlimmer: Trematodes, Leberegel: Plattwürmer, Parasiten im zystisch degenerierten Leberparenchym, in Gallengängen.

 

Woe to those who utter prophecies!

 

Trematoden sollen ihren Leib verdauen.

  Seht euch bloß vor, Ihr Wölfe. 

 

(...)

Den Sommer – der in jenem Jahr drückend schwül gewesen war – hatte er in einem anderen Bildungshaus mit einer bunt zusammengewürfelten Partie aus leicht neurotischen bis schwer psychotischen Menschen beiderlei Geschlechts und jeglichen Alters zugebracht. Das eigentliche „Team“ hatte aus dem Fossil, deren Ehemann (einem Psychiater, der selten ihrer Meinung war) und einer variablen Anzahl von Leuten bestanden, deren Status A. mit jedem Tag weniger klar wurde, bis er herausfand, es war nicht erwünscht, das Team von den Klienten unterscheiden zu können. Er war sich lang nicht sicher, ob ihn das zusätzlich beunruhigen oder entspannen sollte, besonders in Situationen, die ihm gespenstisch vorkamen: Da lagen in einem Raum zwölf Menschen und summten langatmig vor sich hin, im Nebenraum, bei geöffneten Fenstern und orangerot bauschenden Vorhängen, befanden sich elf auf einer imaginativen Ballonfahrt, aus der einer gerade aussteigen wollte, während draußen die in A’s Obhut Befindlichen vor sich hinlallten, ihn Heeinthiie riefen und einer von ihnen, die dreiundvierzigste Zigarette dieses Tages an deren Vorgängerin mit süchtigen Zügen entzündend, plötzlich anhielt, aufbrüllte, A. mit kleinen Augen fixierte und ihn anschrie, er sei wie sein Vater, und seinem Vater werde er jetzt gleich seine dreckigen Hoden abschneiden. Seine Beine staken dabei haarig aus einer alten, steifen, zu kurz geratenen Lederhose, endeten in hohen Schnürstiefeln und setzten sich vehement in Richtung der Ballonfahrer in Bewegung. A. waren solche Auftritte aus den letzten Tagen in Erinnerung: Besagter Vater hatte sich wie ein Ahasver vor seinen Sohn gestellt, eine Ohrfeige von dem um einen Kopf Größeren kassiert und ihn darauf mit biblischer Stimme angeröhrt: Du– wa–gst es, diese dreckigen Hände gegen dein eigenes Fleisch und Blut zu erheben?! Die Meditierenden durften keinesfalls gestört werden: So bemühte sich A., den Zorn des Sohnes in andere Bahnen zu lenken, was schließlich gelang: Ein Zaunpfahl hatte daran glauben müssen, doch nun lag sein wirrer Kopf in seinen Armen und wollte gekrault werden, während die Heeinthiie-Säuselnde – mit dem Wind – deutlich riechend angewatschelt kam:

Gleich würde sie ihren Busen von hinten über den Kopf des Wehrlosen wölben und ihm das Ergebnis ihres Nasenbohrens ins Gesicht schmieren wollen.

In den Teams und den sogenannten Intim-Teams des innersten Betreuerkreises, wozu er ab jenem Tag eingeladen worden war, wollte er verärgert die Zumutung zur Sprache bringen, daß das gesamte Team sich genüßlich geräkelt hätte, während ihm die Knochenarbeit geblieben war. Auch das hätte er besser nicht getan, hatte er sich damit in den Augen der jungen, aufstrebenden, wissenden Psychologen, ohne es wahrzunehmen, als inkompetent ausgewiesen.

Seither kamen diese ihm mit besonderer Freundlichkeit entgegen – wenn es aber in den wenigen Stunden der Ruhezeiten zu kleinen privaten Unternehmungen kommen sollte, waren alle just schon eine Minute vor seinem Eintreffen abgemacht, waren die meisten eben aufgebrochen. Da A. dringend Erholung brauchte (die Psychotiker waren ihm selbst-verständlich geblieben – und mittlerweile auch ans Herz gewachsen), dachte er nicht daran, die anderen zu suchen, ihnen nachzugehen – und blieb allein. Während der folgenden Tage hatte er ein wunderschönes Instrument in der benachbarten Kirche entdeckt, sich mit den Patres geeinigt und für die Dauer seines Aufenthalts den Reserveschlüssel überreicht bekommen. So brachte er die Mittagsstunden oft in dem kühlen, nach Weihrauch duftenden Gewölbe zu, ließ die alte Dame in ihren zartesten Flötenstimmen und im edel zurückhaltenden Klang des Pleno organo ertönen, machte sich vertraut mit den nach Sitte des Barock gebrochen angeordneten Klaviaturen, dem verkürzten Pedal, reparierte eine aus dem Leim gegangene Pfeife Gis, Zwei Fuß des Rückpositif und wurde für diese gewagte, doch gelungene Operation mit der Zuneigung des als besonders barsch berüchtigten Domorganisten belohnt – die sich indirekt darin zeigte, daß jener einmal für ein paar Minuten unerkannt seinem Spiel zuhören kam.

 

Hatte sich unter den JungtherapeutInnen der Erfolgsgeneration seine offenkundig mangelhafte Frustrationstoleranz herumgesprochen, ging bald durch die Reihen der Leidenden die Nachricht, in der Kirche drüben sei mittags ein schönes Tönen zu vernehmen. Da kamen sie an, schnaufend, mit einem imaginierten Partner ins Gespräch vertieft, die Zigarette für wenige Minuten verglüht, und horchten. A. machte daraus ein Zwiegespräch, indem er die Vokale aus den Namen der Anwesenden zu Tönen werden ließ: ein Adalbert klang A-D-B-E-D, Hildegard als H-D-E-G-A und der im Leben liebenswürdige, als Tonlieferant schwierige Anton wurde zu dessen großem Entzücken zu A-D-As-Des-A, wobei das letztgenannte A sich oft zu einem Orgelpunkt entwickelte, dem einen, tiefen Pedalton, über dessen unbeirrbarem Fundament die Welt der schrägsten Klänge gezaubert werden konnte, so daß der Mozart-Wolferl, der an diesem Instrument um 1790 oft gespielt hatte, seine schelmische Lust daran gekriegt hätte.

 

A. wußte nicht zu sagen, ob seine Art, mit diesen Menschen umzugehen, in irgend einem Lehrbuch gefunden worden wäre. Aber er fühlte sich wohl dabei: Sie hielten sich gut, in ihrer Tiefe als Person angesprochen, erkannt, ein wenig wohl auch karikiert: Sie waren froh.

 

                                               (...)

Als A. in einer schlaflosen Nacht bemerkte, daß B. ebenfalls wach lag, begannen sie aus der somnolenten Bewußtseinslage heraus die Tragweite der Ereignisse zu erfühlen. Ohne das Licht anzuknipsen, da wieder einmal Vollmond war, begannen beide einmütig die Realität zu sehen. Die Wölfe waren in jener Nacht besonders nahe gekommen, es war eiskalt in diesem kristallklaren Winter. Ihr Heulen verschmolz mit den mühsam hörbar gemachten Nachrichten über das Glück der Eidgenossen des Rudels Wolfsburg, nach beispielgebender Übererfüllung des Plansolls an Neuanwerbungen zu Ehrenmitgliedern der Organisation erklärt worden zu sein, die mit der heutigen Nacht alle Privilegien und auch Pflichten der HerrenwölfInnen übernehmen sollten und von allen redlichen BeiwohnerInnen des zugleich stattfindenden Jahrtausendfestes und auch von allen durch Pflichterfüllung entschuldigt Ferngebliebenen mit einem sechshundertsechsundsechzigfachen HU! ausgezeichnet zu werden hatten. Zugleich wurde bis zur Einführung der Amtssprache Wölfisch (Fremdsprache: Wolvish)  eine Übergangsfrist von fünf Vollmonden kundgemacht.

                                               (...)

 

 

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                                   DER MORGEN

                                   (eine Toccata)

 

     Jemand hat den Kassettenrecorder, der die Lautsprecher versorgt, mit einer Lieblingskassette Gherardinis gefüttert, wiederum Bach: Unsagbar leise und schön klingt der Beginn des zweiten Satzes aus dem Doppelkonzert. Menuhin und Schneiderhahn, den großen alten Geigern, gelingt es einen wundervollen Augenblick lang, das Hasten und Scheppern zu stillen. — Die es hören, sehen einander an.

Braune Augen mit Lachfältchen links und rechts gehören zu Gherardini. Seine Haube sitzt tief in der Stirn, er neigt zum Schwitzen. Auch Schweiß ist keine endemisch tolerierte Substanz in einem fremden Organ. Die Knollennase lässt sich von der Einheitsmaske kaum bändigen. Die ebenfalls braunen Augen der Anästhesistin sind ruhig, lachen wenig; sie ansehen zu dürfen, gibt Wärme und ein freudiges Gefühl. Blitze fahren oft aus dem jugendlichen, hinreißenden Anblick der jungen Babsi. Er hat sich oft darein versenkt, und sie hat ihn ausgehalten, ist mit ihrem Blick in die wärmend geöffneten Tore seines Inneren ganz leicht eingetreten, hat genau die angenehme kleine Weile Raum genommen; es ist ein Spiel geworden, das beiden das Blut in die Ohrmuscheln und auch sonstwohin lenkt. Von den Sehnsüchten ganz zu schweigen. Immer ist es bisher dabei geblieben. Der Zauber solcher Stunden ist nämlich vergänglich: Mit dem Abnehmen von Häubchen und Maske geht eine Wandlung vor sich, kommen die verhüllt gewesenen Bereiche des Gesichts neu, unerwartet in ihrer faktischen, nicht durch Idealbilder verzuckerten Gestalt zueinander. Dann wird aus diesen wundervoll nahen Augen wieder ein Mensch des Alltags mit seinen Grenzen, Hemmnissen, seiner Ferne und Kühle: Alles nur Illusion?

Die Vorbereitungen sind vorangekommen. Die Waschung ist beendet: exakt zwölf Minuten. 1+2=3. Er fühlt sich bereit.

Die vom Bürsten kribbelnden Hände, wohlverpackt, geben dem Oberbauch ein Gefühl ruhiger Sicherheit. Er ist beim Ersatz-Team eingeteilt, das nur den Thorax eröffnet, die Herzbucht präpariert, am Bein die Vena Saphena magna darstellt und nach der Gefäßtransplantation alles wieder kosmetisch versorgt. Pause wird er sich keine gönnen, will sich die Stunden Gefäßchirurgie am Herzen nicht entgehen lassen. Es wird keinen Monitor geben, weil die Kamera grade kaputt ist, also keine Übertragung in den Hörsaal. Er wird unter den Privilegierten sein, dafür werden sie nach getanem Werk alle an das Diktiergerät verschwinden oder zu dem längst abendlichen Mittagstisch und ihn die 60 cm Ober-schenkel- und 30 cm Thoraxnaht knüpfen lassen. Einzelknopfnähte, Abstand 2 cm, und den Faden auf 8 bis 10 mm abschneiden, gell, damit Sie ihn dann auch steril entfernen können! – Wird Kunibalda oder das Erzengerl Dienst haben? Er hätte am Plan nachschauen sollen. Zu spät. Er spürt seine Fingerkuppen durch die beiden Latex-Schichten eigenartig rund, es ist kühl. Immer ist es kühl. Kein Wunder, daß die nackten Patienten eine Gänsehaut kriegen, wenn man sie berührt, rasiert, mit langen Wattetupfern einen See von Merfen-Orange aus dem Edelstahl-Schälchen über sie ergießt, die Haare stehen ihnen immer zu Berge, die Erectores Pili, die kleinen Muskelfasern, die jedes einzelne Haar aufrichten, stehen vor Kälte und Aufregung stramm. Die Leute erwachen zumeist ein wenig aus ihrer Somnolenz, die Narkoseärztin lächelt gewinnend: Gleich ist es vorbei. (Wenn das einer falsch versteht.)

(...)

Frau Dozentin ist noch nicht gewaschen. Sie tritt von der Kopfseite her an den Tisch, auf dem der Helfer Christa eben gelagert hat. Ein grünes Tuch bekommt diese zum Bedecken ihrer bemerkenswerten Gestalt, während Köpper prüfend das nasale Objekt der Begierde betastet. Sie macht das immer, aus Prinzip. Deshalb ist ihr auch noch nie das „Lechts-und-Rinks-sollst-du-nicht-velwechsern-Phänomen“ unterlaufen. (Jandl schwebt wie einst über ihren Vernissagen.) Eine Vollwert-Künstlerin, wie sie im Buch steht. Einzig männliches Attribut in dieser beinharten Welt: ein Porsche 911 silber-metallic.

(...)

 

Epilog:

Neben der bunten Sammlung entbehrlicher Naturalien, unter einem String-Tanga, der über das Messinggestell gehaucht war, lag noch ein Blatt Papier. Auf der einen Seite war die Struktur des Bach-Chorals skizziert. Die Vorderseite zeigte das Mittelblatt eines alten Konzertprogramms. Als Student hatte der Arzt Unterricht gegeben. Es war das Abschlußkonzert seiner Orgelklasse:

 

Johann Sebastian Bach (1685–1750)

 

Phantasie und Fuge in c-Moll,   BWV 537 ist der Weimarer Zeit (um1716) zuzuordnen. Bei der Phantasie ist in der zweithematischen Anlage eine „Sonatenform“ erkennbar. – Die Fuge besitzt zwei Hauptthemen, wobei im Mittelteil zwei weitere (chromatische) Themen hinzutreten. In der Reprise wird das markante Hauptthema wörtlich zitiert. Aus Quellenstudien ergeben sich für dieses und das nach-folgende Werk eigentümlich anmutende Klangfarben. Jedoch der Intuition Bachs, seiner Vor-liebe für klare Stimmführung und ein durchsichtiges Pleno folgend, sind besonders die überlieferten, von ihm bevorzugten Registrierungen dem Klangbild seiner Orgel, der Orgel von Eisenach, nachempfunden.

 

Toccata, Adagio und Fuge  C-Dur  BWV 564

         Die Toccata ist seit Frescobaldi und Buxtehude ein virtuoses, formal freies Vortragsstück. Meist zeigt sich in ihr eine Reihung von virtuosen Sätzen mit eingefügten kanonischen oder fugierten Abschnitten. Die Toccata in C-Dur mit Adagio und Fuge vereint die nord-deutsche Toccatenform mit der italienischen – dreiteiligen – Konzertform und ist als eine Tri-logie zu verstehen: In der für Bach wesens-bildenden Symbolik eröffnet sich im Toccata- Teil das Wechselvolle des Menschenlebens. Im zweiten Teil, Adagio, erfüllt sich der Tod, das ausruhenwollende Absterben, als ein langes Anhalten beim Übergehen in eine „andere Welt“. Diese eröffnet sich, attacca, in dem überaus heiteren, in seinen Repetitionen ewi-gen Motiv der einthematischen, doch dreiteiligen Fuge (Dreieinigkeit ist als Symbol für Gott zu erkennen). Wie ein Perpetuum mobile umspielen einander die Figuren, um an scheinbar beliebiger Stelle den Punkt zu finden, wo sie – frei jeder Körperlichkeit – in unser Erinnern entlassen sind.

(...)

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